1200 km Deutschland – 12 Stunden Zugfahrt

Ende 2014 unternahm ich eine Reise mit der damals noch längsten innerdeutschen Zugverbindung. Dem IC 2270 von Konstanz nach Stralsund.
Die damals entstandene Reisereportage hat erst jetzt ihren Weg hierher gefunden:

Der „Intercity Schwarzwald“ sieht nicht aus wie der Typ für Superlative. Man kann schwerlich erkennen, dass dort, im Bahnhof der Stadt Konstanz die längste innerdeutsche Verbindung startet und endet. Vom deutsch-schweizerischen Grenzbahnhof geht es über Karlsruhe, Frankfurt und Hamburg bis nach Stralsund. Die polnische Grenze ist dann auch nicht mehr weit. 1200 Kilometer Entfernung. 12 Stunden Deutschland.

Der IC 2270 hatte zum Ziel, den Bewohnern an Nord- und Ostsee die Möglichkeit zu geben, angenehm in die Ferien im Schwarzwald und am Bodensee zu starten. Süddeutsche sollten endlich den Osten Deutschlands als Reiseziel entdecken. Der Intercity wollte den tiefsten Süden und den dunkelsten Osten schnell, direkt und ohne Umsteigen verbinden.

Doch bevor der Zug richtig Geschwindigkeit aufnehmen kann, bremst er wieder ab. Nach 15 Minuten Fahrt hält er das erste Mal. In Radolfzell. Knapp 20 Kilometer Entfernung hat er schon hinter sich. Schnell offenbart sich das Problem der Zugverbindung, die ein schneller Intercity sein will und doch nur ein besserer Bummelzug ist. Auf dem Weg nach Stralsund werden wir in knapp 40 Städten halten. Städte, von denen man bis dato nicht mal ahnte, dass es sie gibt. Städte, bei denen es einen auch nicht belastet hätte, wenn man weiterhin von deren Existenz verschont geblieben wäre. Städte, die austauschbare Namen tragen wie Weinheim, Friedberg oder Uelzen.

Nach Singen verändert sich schleichend die Landschaft. Das Hinterland des Bodensees haben wir verlassen und dringen nun langsam in den Schwarzwald ein. Wir fahren über weite Täler und breite Flüsse. Eindrucksvolle Aussichten begleiten unsere Fahrt durch Dörfer, die immer kleiner werden. Ein Mann mittleren Alters steht an einer Brücke ans Geländer gelehnt und sieht dem Zug beim gemütlichen Vorbeizuckeln zu. Vielleicht war der IC 2270 auch einfach nur das bisschen Weltläufigkeit, das sich Kleinstädte wie Immendingen, Bensheim, Treysa und andere immer gewünscht hatten. Vielleicht prahlte man in den Dorfkneipen, sobald sich ein arroganter Städter lustig machte, damit, dass man ja immerhin den ‚IC Schwarzwald‘ habe. Von Donaueschingen direkt an die Ostsee. Und umgekehrt. Ohne Umsteigen. Ob man sich das überhaupt vorstellen könne? Nein, das könne man sich wahrlich nicht vorstellen.

Bei Triberg zieht langsam Nebel auf. Wir erreichen Höhen, in denen die höchsten Baumwipfel mit feinem Puderzucker bestreut sind. Vielleicht ist es auch Schnee, Hauptsache Schwarzwaldromantik wie aus dem Bilderbuch. Fehlt nur die Kuckucksuhr, die das Klischee perfekt macht. Die Strecke, die nun eher an eine nette Nebenbahn erinnert, wird schnell zu einem heißen Anwärter für einen Platz im Programm der „schönsten Bahnstrecken Deutschlands“ auf einem der dritten Fernsehsender. Fachwerkhäuser stehen dicht an dicht und aufgrund der hügeligen Lage fährt der „Intercity“ nie schneller als 80 km/h. An jedem Haltepunkt, den wir durchfahren, prangt stolz ein knallrotes Schild mit der Aufschrift „Schwarzwaldbahn“. Zwischen den Bahnhöfen, an denen wir halten, sind nie mehr als 15 Kilometer Entfernung. Jeder größere Ort hier will Teil des „Intercity Schwarzwald“ sein, auf einem Zuglaufschild stehend in die weite Welt reisen.

Irgendwo zwischen Offenburg und Rastatt geht die Romantik verloren. Ob es an den immer größer und schmutziger werdenden Bahnbetriebsanlagen oder an den sich links und rechts neben der Strecke auftürmenden Lärmschutzwänden liegt, kann man nicht genau sagen.

Kurz vor Darmstadt hält der Zug das erste und einzige Mal außerplanmäßig auf freier Strecke. Bei Ankunft im Endbahnhof Stralsund wird er die kurze Verspätung wieder aufgeholt haben und pünktlich sein. Für Anfang Dezember ist es kalt, aber trocken. Schnee lässt sich nur selten blicken. Laublose Wälder und menschenleere Städte säumen unseren Weg bis wir in der einzigen Metropole Deutschlands ankommen: Frankfurt. Hier zeigt sich endlich die Sonne, kurz bevor sie sich eine knappe Stunde später wieder verabschiedet. Ab Marburg dann vereint sich die Tradition mit der Moderne. Solaranlagen zieren die großen Bauernhäuser in Fachwerkbauweise. Irgendwann wechselt das Bordpersonal, Karten werden noch einmal kontrolliert, die Durchsagen für die nächsten 20 Bahnhöfe macht nun ein anderer, genauso schwer verständlicher Zugbegleiter. Mit jeder Minute wird der Himmel dunkler. Im Ort Wabern verschwindet die Sonne endgültig. Einen großen Unterschied macht das nun auch nicht mehr. Denn zwischen Kassel und Hannover sollen ganze 21 Tunnel auf der Strecke sein, warnt einen ein Mitreisender. Man zählt mit und kommt nur auf 19. Während die meisten im Zug geführten Mobilfunkgespräche sowieso meist nur aus „Hallo, ich war gerade kurz weg. Sorry. Hallo? Bist du noch da?“ bestehen, wird die Strecke hier zu einem einzigen Funkloch. Immer wieder flackert die grelle Tunnelbeleuchtung in das Abteil, das sich nach und nach weiter leert. In Hamburg wechselt das Bordpersonal ein letztes Mal. Der Zugbegleiter begrüßt die neu zugestiegenen mit einem kräftigen „Moin Moin“. Manchmal sind Klischees auch einfach nur da, um bestätigt zu werden. Mittlerweile ist der Himmel rabenschwarz. Hamburg gibt uns noch ein bisschen Licht mit auf den weiten Weg nach Schwerin. Die 51 Minuten dorthin sind die längste Strecke, die der Zug zwischen zwei Bahnhöfen zurücklegt. Im Durchschnitt hält er alle 20 Minuten und alle 30 Kilometer. Langsam wird klar, warum der Zug ab Hamburg viel seltener Halt macht. Kein Licht zerreißt in der mecklenburgischen Einöde die Dunkelheit, kein Dorf nimmt die Trostlosigkeit des Landlebens. Der Zug schaukelt durch ein ungewisses Nichts. Einzig die Namen der Bahnhöfe, in denen wir Passagiere aufnehmen, erinnern einen daran, dass man sich mit jedem Kilometer dem Meer nähert: Bützow, Rostock, Ribnitz. Die Wagen des IC 2270 sind noch alte Interregio-Wagen, in denen sich die Fenster öffnen lassen. Fahrtwind und Freiheit schlagen einem dabei entgegen. Salzwasser und Möwengeschrei. Aber vielleicht ist es auch nur Einbildung. Als wir Velgast verlassen, geht der Schaffner ein letztes Mal seine Runde. Die Jalousie an der Theke des BordBistro wird sanft heruntergelassen. Mittlerweile ist man allein im Wagen.

Mit einem Ruck hält der Zug an. Stralsund Hauptbahnhof. Man möchte fragen, welche anderen Bahnhöfe es in Stralsund wohl noch gibt. Doch es ist niemand da, den man fragen kann. Die Handvoll Passagiere, die hier ausgestiegen sind, sind schnell und zielstrebig verschwunden. Einzig die weißen Waggons mit dem fernverkehrstypischen roten Streifen stehen mit dem einsamen Reisenden am Gleis. Vom Meer weht eine kühle Dezemberbrise. Der Bodensee scheint hier so weit weg, als sei er in einem anderen Land.

Seit Fahrplanwechsel Dezember 2014 gibt es den Zug in dieser Form nicht mehr. Die Verbindung wurde verkürzt und verkehrt seit 2015 nur noch zwischen Karlsruhe und Stralsund. Kleinstädte wie Immendingen, St. Georgen und Triberg müssen sich ihre Bestätigung woanders suchen. Um nun von der Ostsee an den Bodensee reisen zu können, muss man umsteigen. In Züge, die noch langsamer sind, als der IC 2270 es je war.

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